Kolumne

Klartext zur Finanzkrise

Überraschend? Nicht vorhersehbar? Mitnichten. Der Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems mit seinen irrationalen Derivat-Konstrukten war nichts als logisch und wurde bereits vor 13 Jahren exakt prognostiziert. 1994 zitierte der Wirtschaftsjournalist Günter Ogger („Das Kartell der Kassierer“) den ehemaligen Präsidenten der New Yorker Notenbank mit den Worten:
„Der Ausfall einer einzigen Bank könnte zu einem katastrophalen Dominoeffekt führen, der das ganze Bankensystem bedroht“.
Genau das ist jetzt eingetreten. Dennoch verfügt der Mainstream der Sachverständigen weder über die Kompetenz noch über den Mut, die Kernprobleme dieses Zusammenbruchs zu diagnostizieren.
Man hält sich lieber an oberflächliche Symptome wie falsche Anreize durch Manager-Boni, statt die Basis unseres Wirtschaftssystems ins Visier zu nehmen. Dessen Grundlage ist der so genannte „Washington Consensus“ , der von den Wirtschaftstheoretikern der Chicagoer Schule formuliert wurde. Auf eine kurze Formel gebracht bedeutet er: Privatisierung und nochmals Privatisierung. Angeblich generiert der freie Markt sämtliche wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften, solange er sich selbst überlassen bleibt und der Staat nicht eingreift.

Nun hat die unglaubliche Verschuldung der Grossbanken und die gegenwärtige Rettungsaktion mit öffentlichen Geldern in Schwindel erregender Höhe diesen „Consensus“ ad absurdum geführt. Deshalb ist es mit Reförmchen nicht getan, es braucht einen eigentlichen Paradigmenwechsel. Heute stehen wir an einem Punkt, der das Versagen der blinden Marktreligion auf mehreren Ebenen offensichtlich macht:

- Die sich anbahnende Klimakatastrophe deckt die Ignoranz der Markteliten gegenüber den physikalischen und biologischen Naturzusammenhängen auf.
- Die weltweit wachsende Schere zwischen Arm und Reich straft die Wohlfahrtsutopie des Neoliberalismus Lügen.
- Die angebliche Demokratisierung und Befriedung der Welt durch den grenzenlosen freien Markt erweist sich als Heuchelei. Nicht nur ist der Wirtschaftskrieg, den Weltbank und Internationaler Währungsfonds mit ihrem Diktat der „Strukturanpassungen“ führen, katastrophal für die Dritte Welt, beide Kriegsarten sind miteinander im Bunde. Sowohl der Waffenhandel der Industriestaaten als auch die offenen Kriege der U.S.A. stehen im Dienst des imperialen Wirtschaftskrieges.

Schon 1987 – vor mehr als 20 Jahren – schilderte Susan George, die stellvertretende Direktorin des Transnational Instituts in Amsterdam, die Pervertierung von Weltbank und IWF zu Instrumenten der amerikanischen Weltmachtspolitik. Die angebliche Entwicklungshilfe führte zur gezielten Abhängigkeit der Entwicklungsländer durch Verschuldung mit folgendem Resultat: „Sie sterben an unserem Geld“ (So der Titel ihres Buches, erschienen bei rororo 1988).
Nun erschien vor kurzem in englischer Sprache der in Romanform geschriebene Bericht „Implosion“ des Schweizers Peter König, der jahrelang für die Weltbank gearbeitet hat. Er bestätigt in allen Punkten die Demaskierung von IWF und Weltbank durch Susan George. (Sendung „Kontext“ von DRS 2, 20.10.08,9.05 Uhr)

Die ewig Gestrigen schwören aber immer noch auf die Formel: There is no alternative. Dabei haben die besten Wirtschaftstheoretiker/innen längst grundlegende Reformen vorgeschlagen. Unter vielen anderen gehören dazu die Namen James Tobin, Joseph Stiglitz, die Nobelpreisträger Amartya Sen und Paul Krugman sowie die Schweizer Hans-Christoph Binswanger und Peter Ulrich.
Eine andere Welt ist möglich. Was fehlt, ist ausschliesslich der politische Wille, während eine machtbesessene Elite das Volk hinters Licht führt, sei es aufgrund eigener Blindheit oder aus purem Zynismus.

23.10.2008