Kolumne

Queer- der schräge Feminismus

Seit einiger Zeit geistert die Zauberformel LGBTI durch alle Medien und wird zur Pflichtübung der political correctness, sobald die Gleichstellung von Frauen und Männern angesprochen wird.
Initiantinnen dafür sind die Gender-Theoretikerinnen an allen deutschsprachigen und nordeuropäischen Universitäten; die Grundlage dazu die feministische Queer-Theorie, die seit Judith Butlers „GenderTrouble“ alle bisherigen feministischen Theorien für überholt erklärt. Die Queer-Theoretikerinnen verdrängen bzw. ignorieren sowohl die Standardwerke von Simone de Beauvoir und Elisabeth Badinter als auch diejenigen von Ökofeministinnen und von Kulturhistorikerinnen, die sich mit egalitären, matrizentrischen Kulturen und deren gewaltsamen Ablösung durch patriarchale Herrschaft befassen.
Den einzig legitimen Ausgangspunkt sieht die Queertheorie in der Destruktion des dualen Geschlechtersystems, das heisst in der Leugnung naturgegebener Geschlechtsidentitäten. Stattdessen will sie den Nachweis erbringen, dass Geschlechtsunterschiede kulturell konstruiert seien und von daher auch dekonstruierbar bzw. relativierbar.
Wie uns die gegenwärtige Londoner Ausstellung „Queer British Art“ belehrt, war der Ausdruck „queer“ („seltsam, komisch, schräg“) ursprünglich ein Synonym für Homosexuelle, die sich bis vor kurzem verbergen mussten, um nicht verfolgt zu werden.
Wenn nun die neue Formel neben L für Lesbisch, G für Gay (schwul) und B für Bisexuell noch das T für Transsexuell bzw. Transgender und I für Intersexuell stellt, so macht diese Reihung insofern Sinn, als alle diese Gruppen in vielen Teilen der Welt noch immer diskriminiert oder sogar Strafverfolgungen ausgesetzt sind. Demgegenüber steht die Forderung, die vom Mainstream abweichenden sexuellen Orientierungen nicht als pathologisch einzustufen.
Verwirrung entsteht jedoch dann, wenn Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung nicht klar unterschieden werden. Wenn also Homosexualität und Bisexualität nicht nur als vom Mainstream abweichende sexuelle Orientierungen gesehen, sondern als 3. oder 4. Geschlecht bezeichnet werden. In Wahrheit fühlt sich die weit überwiegende Mehrzahl der schwulen Männer als Männer, die Männer lieben, und Lesben als Frauen, die Frauen lieben bzw. als Menschen, die sich von beiden Geschlechtern sexuell angezogen fühlen. Schon Freud nahm eine latente bisexuelle Orientierung für beide Geschlechter an, ohne das Faktum der Geschlechterdualität in Frage zu stellen.
Am Unhaltbarsten erweist sich die Queer-Theorie mit ihrer Ignoranz der Evolutionstheorie: Nicht davon Kenntnis zu nehmen, dass sich die Evolution seit Hunderten von Millionen Jahren der Zweigeschlechtlichkeit bedient, um den Genaustausch bei der Fortpflanzung und damit die Artenvielfalt hervorzubringen, ist sträflich unwissenschaftlich.
Ebenso verwirrend ist die queer-theoretische Interpretation von Intersexualität, Transsexualität und Transgender. Tatsächlich gibt es, wenn auch selten, Personen, denen bei ihrer Geburt weder das weibliche noch das männliche Geschlecht eindeutig zuzuordnen ist. Heute erkennt man es als Fehler mit schwerwiegenden psychischen Folgen, wenn man schon beim Kleinstkind chirurgische Eingriffe vornimmt, um ein eindeutiges weiblichen oder männliches Geschlecht herzustellen. Stattdessen werden mit vorpubertierenden Jugendlichen vertiefte Gespräche geführt, um gemeinsam eine je optimale Lösung- etwa durch hormonelle Behandlung - zu finden.
Queer-TheoretikerInnen lehnen es ab, Intersexualität als Entwicklungsstörung bzw. als einen unabgeschlossenen sexuellen Reifungsprozess anzuerkennen, weil dies eine Pathologisierung von Intersexuellen bedeute. Vielmehr sei jede Form von Intersexualität als eine genuine, mit anderen Geschlechtern gleichwertige Geschlechtskategorie zu akzeptieren.
Extrem formuliert: es gibt nicht zwei Geschlechter, sondern so viele Geschlechter wie es Individuen gibt.
Nicht weniger einseitig sind manche Kommentare zur Transsexualität und zu Transgender. Zwar gibt es, wenn auch selten, Knaben mit einem gesunden männlichen Geschlechtskörper, die sich von klein auf nach einer weiblichen Identität sehnen, und umgekehrt Mädchen, die eine männliche Identität wünschen. Das kann zu einer so verzweifelten Krise führen, dass als Lösung nur die chirurgische Geschlechtsumwandlung zu bleiben scheint. Die Ursachen dafür sind bis heute nicht bekannt und wahrscheinlich sehr komplex. Jedenfalls lässt sich Transsexualität nicht mit der esoterisch anmutenden Vorstellung erklären, die eigene Seele wohne im falschen Körper.
Ähnlich, aber nicht damit gleichzusetzen, ist der Begriff Transgender. Auch er meint, dass sich Menschen psychisch nicht dem Geschlecht zugehörig fühlen, welches ihre Geburtsurkunde ausweist. Doch streben sie keine physische Angleichung an das andere Geschlecht an, sondern erklären sich durch Änderung ihres Vornamens als Transfrauen (Männer, die in ihrem sozialen und beruflichen Umfeld als Frauen auftreten) oder als Transmänner (Frauen, die sich als Männer verstehen und männliche Tätigkeiten bevorzugen). Beides muss nicht mit auffälligem Transvestismus verbunden sein.
Die heutige Queer-Szene und ihre offiziellen Vereinigungen stellen „Transgender“ in den Mittelpunkt ihrer Diskussion und verlangen die rechtliche Möglichkeit zur Änderung des Namens und des Zivilstandes ohne medizinisches oder psychiatrisches Gutachten. Entscheidend sei einzig, welche Geschlechtsidentität man individuell fühle. In diesen Zusammenhang gehört die Wortbildung Cis-Gender, was den von „Transgender“ abgeleiteten Zustand der durchschnittlichen Mehrheit markiert. Manchmal mit einem etwas mitleidigen Unterton gegenüber den mindestens 95 % der Bevölkerung, die sich immer noch fraglos mit dem Geschlecht ihrer Geburtsurkunde identifizieren. Auf diese Art entsteht so etwas wie ein Trend zur Befürwortung von Transgender oder für Jugendliche der Eindruck, Transgender sei „in“.
Ich halte diesen Trend für ein zentrales Missverständnis. Seit Simone Beauvoirs revolutionärem Werk „Das andere Geschlecht“, sollte die Erkenntnis Allgemeingut sein, dass die Geschlechtsrollen der Frau nicht angeboren sind, und sie im diesem Sinne erst zur Frau gemacht wird. Das Gleiche gilt für den Mann, der erst durch das ihm aufgedrängte Rollenklischee das gesellschaftlich bedingte Männerbild erfüllt. Was heisst, dass die polarisierenden Zuordnungen bestimmter Fähigkeiten und Charaktereigenschaften an das weibliche und an das männliche Geschlecht eine ideologische Konstruktion darstellen: Frauen seien schwach, reproduktiv, passiv, gefühlsbetont und labil; Männer dagegen stark, kreativ, aktiv, rational und konsequent, was sie „von Natur aus“ zur Herrschaft über die Frauen bestimme.
Die Dekonstruktion dieser Gender-Polarisierung gab den Auftakt zur Emanzipation der Frauen, die längst bewiesen, dass sie ebenso intelligent, kreativ und willensstark sein können wie Männer. Und, mit grosser Verspätung, zur Emanzipation des Männerbildes, wonach Männer ebenso sensibel, gefühlsfähig und zur Fürsorge geeignet sind wie Frauen.
Von daher bestünde also kein Grund, weshalb sich eine aussergewöhnlich starke Frau „transgendern“ sollte, denn sie kann ihre Tatkraft als Rennfahrerin, als Extrembergsteigerin oder in einem anderen Beruf realisieren, den man lange den Männern vorbehielt. Umgekehrt kann sich ein gefühlsbetonter, allem Lebendigen zugewandter Mann als Künstler, Sozialarbeiter oder Tierpfleger verwirklichen.
Bei genauerem Hinsehen ist der Trans-Gender–Pfad eine Rückkehr zu biologisch-sexistischem Denken, das mit der psychisch-geistigen Egalität der beiden Geschlechter nicht ernst gemacht hat. Dazu kommt die dem neoliberalen Zeitgeist entsprechende Privatisierung aller Probleme, bei der die Kritik am patriarchalen Gesamtsystem als dem Kerngeschäft des Feminismus unter den Tisch fällt. Dabei ist es gerade das Hochjubeln von Leistungssteigerung, Gewinnmaximierung und Konkurrenzkampf, was der Emanzipation beider Geschlechter entgegensteht, indem die Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf verunmöglicht wird.
So verdrängt der gegenwärtige akademische Feminismus unsere eigentlichen politischen und kulturellen Probleme, wenn seine Vertreterinnen wie gebannt den Blick auf Gender-Fragen und den Einbezug von Minderheiten reduzieren. So, wenn sie uns vorschreiben wollen, die Worte Frau* und Mann* nur noch mit Sternchen zu schreiben, um den wenigen Inter-und Transsexuellen Raum zu geben und das von der grossen Mehrheit als selbstverständlich empfundene Geschlecht zu relativieren. Das verleiht, - als kontraproduktiver Nebeneffekt - den reaktionären Kräften Auftrieb, die das überholte, patriarchale Familienmodell neu beschwören.
Wünschenswert sind neue Familienmodelle mit gleichgewichtiger Elternschaft, Patchwork-Familien, eingetragene Partnerschaften für homosexuelle Paare und Adoptionsmöglichkeit für mitgebrachte Kinder eines Partners oder Partnerin, sowie die Toleranz gegenüber Scheidungen bei Aufrechterhaltung der Elternrechte und -pflichten.
Allerdings halte ich nichts von der bedingungslosen Einforderung aller Lebensmöglichkeiten für jedes Individuum. Aus meiner Sicht gibt es kein Recht auf ein eigenes Kind, und zwar weder für heterosexuelle noch für homosexuelle Paare, wenn der Preis dafür Leihmutterschaft oder der Einkauf von Ei-und Samenzellen Ist. Es gibt nur das Recht aller geborenen Kinder auf Geborgenheit in einem stabilen familiären Umfeld.




28.08.2017