Kolumne

Ehe für alle

Was verbirgt sich hinter dieser Forderung, die mit grossem finanziellem Aufwand medienwirksam vorangetrieben wird? Kaum jemand scheint sich diese Frage zu stellen in der gutgläubigen Annahme, dass es sich dabei ausschliesslich um die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften handle. Die ist zwar überfällig, doch dafür würde die „eingetragene Partnerschaft“ genügen, wie sie in vielen westlichen Ländern bereits praktiziert wird, einschliesslich der Möglichkeit, Kinder zu adoptieren. Allerdings ist der Begriff Adoptions-Recht dann fragwürdig, wenn er als individueller Rechtsanspruch verstanden wird. Auch kinderlose heterosexuelle Paare haben keinen Rechtsanspruch auf ein Adoptivkind, denn es geht ja in erster Linie darum, für ein Kind das bestmögliche familiäre Umfeld zu finden. Und da heute der grossen Zahl unfreiwillig kinderloser Paare nur eine kleine Anzahl zur Adoption freigegebener Kleinstkinder gegenüber steht, ist die Chance für alle Adoptionswilligen gering, dass ihr Wunsch in nützlicher Zeit in Erfüllung geht.
Warum aber das hartnäckige Beharren auf dem Begriff „Ehe“ für alle? Die Institution der Ehe stammt ja aus dem sakralen Bereich und gilt im christlichen Verständnis als Sakrament, d.h. als heiliger Akt zur Familiengründung. Daran geknüpft war die Verpflichtung zur lebenslangen Bindung: “Bis dass der Tod Euch scheidet“. In unserer liberalen Gesellschaft hat sich diese Auffassung längst verändert, wenn heute über 40 % aller Ehen geschieden werden. Auch ist die kirchliche Trauung für viele nur noch festliche Umrahmung, wie auch nur ein Teil der homosexuellen Paare sich vor dem Altar das Ja-Wort geben möchte.
Von daher gesehen wäre es eigentlich realistischer, die „eingetragene Partnerschaft für alle“ zu postulieren, wie sie ja mit der standesamtlichen Trauung bereits vorgezeichnet ist. Es muss also andere Gründe dafür geben, auf dem Eherecht für homosexuelle Paare zu beharren. Der entscheidende Punkt ist wohl das angebliche Recht auf eigene leibliche Kinder, dessen Realisierung die hochentwickelte Reproduktionstechnologie in Aussicht stellt und die bisher nur von heterosexuellen Paaren in Anspruch genommen werden kann. Das heisst: in Zukunft sollen homosexuelle Paare das Anrecht auf künstliche Befruchtung mittels gespendeter oder gekaufter Samenzellen, Eizellen und Embryonen bzw. auf die immer offener propagierte Leihmutterschaft haben, wobei letztere in der Schweiz noch verboten ist.
Alle diese Verfahren sind äusserst kostspielig, wobei der erzielte Profit hauptsächlich den Eizellen- Samen- und Embryonenbanken, den Reproduktionsmedizinern, Vermittlungsagenturen und Rechtsanwälten zufällt, während die SpenderInnen und die von Armut getriebenen Leihmütter relativ bescheiden entlohnt werden. Im Lichte dieser Tatsachen ist es nicht verwunderlich, wenn die Reproduktions-Lobby alles daran setzt, um die „Ehe für alle“ im allgemeinen Bewusstsein und in politischen Kreisen akzeptabel zu machen. Einmal mehr sollen nachvollziehbare humane Bedürfnisse die materiellen und prestigeträchtigen Beweggründe kaschieren.
Auch die Eile, mit der dies geschieht, ist verdächtig. Sie verhindert die dringend nötige breite Diskussion über die Folgen der Reproduktionstechnologien für auf diese Weise entstandene Kinder wie auch für die Gesellschaft als Ganzer. So die Frage, wie Heranwachsende damit zurechtkommen, mehrere Mütter oder zwei Väter zu haben und nicht alle genetischen Elternteile zu kennen. Oder was es bedeutet, wenn durch hoch eingeschätzte Samenspender Hunderte von Kindern gezeugt werden, die als Halbgeschwister in aller Welt leben mit dem Risiko, aus Unkenntnis inzestuöse Beziehungen einzugehen. Nicht zuletzt ist Leihmutterschaft ausserordentlich problematisch und moralisch nicht zu rechtfertigen.
Es scheint, die langjährige Kritik am unbegrenzten Machbarkeitsanspruch der Reproduktionstechnologie (siehe Basler Appell gegen Gentechnologie, heute biorespect) werde von der heutigen Linken politisch nicht ernst genommen, weil auch sie auf der Welle rein individueller Problemlösungen reitet.

10.07.2017