Kolumne

Verleumdungsmythen zur Diskriminierung der Frau

Anlass zu dieser Kolumne war ein Bericht im Feuilleton der Süddeutsche Zeitung vom 27. September 2012. Unter der Überschrift „Blut und andere Ressourcen“ wird darin über den Deutschen Historikertag in Mainz berichtet. Dieser wurde von Ba-rockmusik des Komponisten Carl Heinrich Graun zu Ehren des 300. Geburtstags Friedrich des Grossen umrahmt. Den Auftakt gab die Arie der Kleopatra „Ich will Gemetzel, ich will Blut“, die von den Historikern anscheinend kommentarlos hingenommen wurde.
Diese Arie steht in der Tradition der Verleumdungen, welche die schöne Königin seit der Antike umgaben. Wie einer ihrer fairsten Biographen, Manfred Clauss (München 2000) heraus stellt, war Kleopatra (69-30 v. Chr.) bereits für die zeitgenössischen Historiker ein willkommenes Projektionsfeld, um von der bruta-len Vorgehensweise der römischen Herrscher während ihres Bürgerkrieges abzulenken.
In Wahrheit war Kleopatra völlig abhängig von der Römischen Streitmacht und Königin von Ägypten nur von Roms Gnaden. Um in dieser Situation die relative Unabhängigkeit ihres Landes zu bewahren, setzte sie die ganze Palette ihrer hohen Gaben ein: Ihre ausserordentliche Bildung und die Beherrschung mehrerer Sprachen, ihre Redegewandtheit und ihren von allen Zeitgenossen gerühmten Charme, sowie nicht zuletzt ihre erotische Ausstrahlung, mit der sie die leiden-schaftliche Zuneigung Cäsars und später des Antonius gewann. Wenn über ihre Lasterhaftigkeit, ihre Verschwendungssucht und ihre Mordlust berichtet wird, so sagt dies mehr über die Berichterstatter als über sie selbst aus. Es spiegelt, in den Worten von Manfred Clauss, die Alpträume der Männer aller Zeiten: ihre Angst vor starken Frauen und deren erotischer Faszination, die ihre Phantasie zu männermordenden Bestien macht.
Die erste in dieser Reihe ist die Sünderin Eva, die mit ihrem Ungehorsam gegen Gott die Menschheit ins Verderben gestürzt haben soll. In Wahrheit trägt sie den Namen Eva als Mutter alles Lebendigen, und ihr waren der Grantapfelbaum als Symbol der Fruchtbarkeit und die Schlange als Zeichen der Lebenskraft und der Wiedergeburt zugeeignet.
Ihre patriarchale Verleumdung teilt sie mit der griechischen Pandora, die, wie ihr Name „Die Allgebende“ sagt, eine lebensspendende Göttin war, bevor Hesiod sie zur männermordenden Attrappe machte und aus ihrer Büchse - dem Kästchen, welches das Geheimnis des Lebens birgt – alle Übel der Welt entweichen liess.
Aus der griechischen Mythologie und auf den griechischen Vasen ist die Amazonensage eines der bekanntesten Motive. Diese starken und schönen Frauen sollen angeblich Knaben schon bei ihrer Geburt umgebracht und sich eine Brust abgeschnitten haben, um in ihrem Kampf gegen die Männer die Bogenwaffe besser handhaben zu können. Doch diese Amazonen hat es nie gegeben und bis heute wurde von ihnen nicht die geringste historische Spur entdeckt. Ellen Reeder entlarvte in ihrem Buch „Pandora“ (Basel 1996) die wahren Motive: Die Furcht vor der „ungezähmten“ Frau und die Rechtfertigung dafür, sie zu unterdrücken und zu beherrschen.
Christa Wolf ordnet in diese Reihe auch den Mythos von Medea und ihre blutige Rache an Jason ein, die in der Tötung ihrer Kinder gipfelt. Doch geht die älteste schriftliche Quelle, die uns überliefert ist, das Drama des Euripides, bereits von den angeblichen mörderischen Taten Medeas aus. Wolf stützt sich auf die nicht unberechtigte Annahme, die Griechen hätten die Geschichte zu ihren Gunsten entstellt, um ihre eigenen Grausamkeiten als Kolonisatoren auf die Fremde aus Kolchos zu projizieren.
In der jüdischen Tradition übernimmt Salome die Rolle der männermordenden Frau, obwohl ihre Figur historisch blass bleibt und sie kaum mit der Hinrichtung Johannes des Täufers in Verbindung gebracht werden kann. Das hinderte Dichter, bildende Künstler und Musiker nicht daran, ihre Schauergeschichte über Jahrhunderte hinweg künstlerisch zu gestalten.
Die Liste solcher Projektionsfiguren liesse sich bis in die Neuzeit verlängern. So lenkten namhafte Journalisten im Vorfeld der französischen Revolution die berechtigte Volkswut gegen die herrschende Monarchie auf die Königin Marie Antoinette. Die junge, aus dem österreichischen Kaiserhaus stammende Marie An-toinette war in ihrer Naivität und in Ermangelung nützlicher Aufgaben ganz den adeligen Vergnügungen und dem üblichen Luxus zu getan. Deshalb war es ein Leichtes, ihr in der so genannten „Halsbandaffaire“ Verschwendungssucht vorzuwerfen, obwohl sie in diesen Handel nicht aktiv verwickelt war. Zudem kursierten pornographische Kupferstiche, die sie als sexuell unersättliche Frau verleumdeten. Ihre Verbindungen zum Hof in Wien taten das Übrige, um den Fremdenhass der Franzosen zu schüren.
Merkwürdig bleibt, wie lange sich solche Hirngespinste halten können. Vermutlich verdanken sie dies einem untergründigen Frauenhass, dessen Tiefen noch immer nicht durchschaut sind.

28.10.2012