Kolumne

Die Wurzeln des Männerwahns

Zu meiner Neuauflage von "Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie" (Opus Magnum, 2011) stellte mir der Kulturjournalist und Lyriker Hans Krieger, München, seinen Rezensionstext zur Verfügung.

„Fesseln sind nur dadurch zu lösen, dass man sich daran erinnert, wie sie angelegt worden sind“, schreibt Carola Meier-Seethaler. Befreiung setzt ein Gewahrwerden der Ursprünge voraus – daher der Titel des Buches, das einen kühnen Bogen schlägt von der kritischen Aufarbeitung der Frühgeschichtsfor-schung zur ebenso kritischen Sichtung der aktuellen Geschlechterdebatte, fussend auf den reichen Erfahrungen einer psycho-therapeutischen Praxis, die in den Konfliktnöten weiblicher und männlicher Patienten sowohl die mythische Vergangenheit als auch die Anpassungszwänge der Gesellschaft gespiegelt findet. Vor bald 25 Jahren ist das Buch erstmals erschienen; jetzt liegt es in einer gründlich überarbeiteten und aktualisierten Neuausgabe vor, in der sowohl der jüngste archäologische Forschungsstand als auch die neueren Entwicklungen in der Gesellschafts-, Wirtschafts- und Umweltpolitik (bzw. Nicht-Politik) und in der Feminismus-Debatte eingearbeitet sind.

Um welche Fesseln aber geht es? Es geht um jenen männlichen Bemächtigungs-wahn, der nicht nur weltweit zur jahrtausendelangen Unterdrückung, Entrechtung und Entwürdigung der Frauen geführt hat, sondern auch zu einer höchst ein-seitigen, machtorientierten und tendenziell lebensfeindlichen Kulturentwicklung, deren selbstzerstörerisches Potential mit der Atombombe, der fortschreitenden Naturzerstörung und der drohenden Klimakatastrophe unübersehbar geworden ist. Dass dieses Destruktionspotential ein männergemachtes ist, lässt sich kaum mehr bestreiten. Meier-Seethaler sieht es allerdings nicht genetisch, sondern psychologisch und historisch begründet. Der Mann ist nicht „von Natur aus“ aggressiv, gewaltbereit und machtsüchtig, sondern hat gelernt, seine tiefsitzende psychiche Verunsicherung mit einem Kult heroischer Überlegenheit zu kompensieren.
Jedes heranwachsende männliche Individuum durchläuft diesen Prozess und wiederholt damit, was vor nicht ganz 10'000 Jahren in der „neolithischen Revolution“ gattungsgeschichtlich geschehen ist. Damals, nach dem Sesshaftwerden und nachdem die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht ein stärkeres Bevölkerungs-wachstum möglich gemacht hatte, rebellierten die Männer dagegen, das „andere“, das zweite Geschlecht zu sein in einer jahrzehntausende-lang friedlich bewährten matrizentrischen Kultur, die in der lebengebärenden und lebennährenden Frau die Hüterin des Prinzips Leben verehrte und ihr in den religiösen Vorstellungen und Praktiken wie in der Gesellschaftsorganisation die dominante Rolle einräumte – eine Kulturstufe, die „Matriarchat“ zu nennen, Meier-Seethaler sich weigert, da es so etwas wie Herrschaft noch so wenig gab wie Krieg. Mit der gewaltsamen Errichtung des Patriarchats, mit der Unterwerfung der Frauen unter ihre Herrschaft konnten die Männer ihren Gebärneid kompensieren, nachdem die Beobachtungen bei der Schaf- und Ziegenzucht das Geheimnis der Zeugung enthüllt hatten, also die lange unbekannt gebliebene biologische Bedeutung der Vaterschaft, und die zivilisatorische Entwicklung eine Hierarchisie-rung der Gesellschaft begünstigt und die Konstruktion gefährlicher Waffen ermöglicht hatte. Die Umwälzung der Religion mit nun männlichen Gottheiten im Zentrum lieferte die ideologische Legitimierung; die Reklamierung der geistigen Kreativität (einer sublimierten Form des Gebärens) allein für den Mann neben der rein naturhaften Bestimmung der Frau gab der neuen Ordnung die metaphysische Überhöhung. Wie konfliktreich und langwierig dieser Prozess war, zeigt sich u. a. daran, dass sich matrizentrische Elemente in der Religion noch sehr lange erhalten haben, wie Meier-Seethaler an vielen Beispielen aus den frühen Hochkulturen nachweist.

Die gleiche Kompensation einer ungesicherten Identität kenn-zeichnet bis heute die Entwicklung des Knaben. Während das Mädchen in ungebrochener Kontinuität aus der mütterlichen Geborgenheit in seine weibliche Identität hineinwachsen kann, muss der Knabe anders werden als die Mutter, die seine Anfänge umhegt hat; er muss sich von ihr abgrenzen, sich gegen sie wenden, um seine Autonomie zu erlangen, und alles von sich abtun, was sein noch unsicheres männliches Rollenbild zu bedrohen scheint, vor allem sein Bedürfnis nach Zärtlichkeit, das ihn abhängig machen könnte. Aus untergründiger Angst begegnet er der Umwelt nicht mit selbstverständlicher Empathie, sondern mit skeptisch fragender Distanz und muss sich ständig beweisen, dass er etwas Besonderes ist – sei es durch todesverachtenden Heroismus, sei es durch spektakuläre Leistungen, durch presti-geträchtige Machtausübung oder durch lebensferne Abstraktionen der Wissenschaftlichkeit, die Meier-Seethaler „logozentrische Selbstversponnenheit“ nennt und auf Verachtung des kreatürlichen Lebens und Angst vor der Frau und vor der (weiblich gedachten) Natur zurückführt. Weil ihm die eigenen Gefühle zum grossen Teil unzugänglich werden, bleibt der (idealtypische) Mann „emotional infantil“ und prägt damit eine Kultur der omnipotenten Verantwortungslosigkeit, die uns an den Rand des Abgrunds geführt hat.

Nur wenn die Männer den kompensatorischen Charakter ihres Traums von Allmacht und Selbsterhöhung durchschauen, können die patriarchalen Entgleisungen der männlichen Emanzipation korrigiert werden, kann eine echte Partnerschaft zwischen den Ge-schlechtern gelingen und kann ein neues Menschenbild und ein neuer Kulturbegriff entwickelt werden als Basis für ein fried-fertiges Miteinander und einen verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen.

Die Wiedergabe ist hier notwendig verkürzt. Meier-Seethalers „dissidente Kulturtheorie“, die sie ausdrücklich „zur Diskussion“ stellt, und die zumindest die Dignität einer plausiblen, schlüssig entwickelten und argumentativ gut gestützten Hypothese hat, ist sehr differenziert ausgearbeitet und bietet reiches
Anschauungsmaterial. Die Analyse der patriarchalen Kulturentwicklung ist breit gefächert bei unterschiedlicher Gewichtung; der Durchgang durch die abendländische Philosophiegeschichte ist ein wenig pauschal geraten. Dass nicht nur Fehlentwicklungen, sondern auch Errungenschaften zu verzeichnen sind, bleibt nicht unerwähnt.
Von besonderem Interesse ist das vierte und letzte Kapitel „Befreiung zur Partnerschaft“. Hier werden nicht nur die noch immer ungelösten Probleme geklärt, sondern auch die vorhandenen Ansätze zu partnerschaftlichen Lebensformen vorgestellt, und es wird ein kritisch reflektierender Überblick über die neueren feministischen und „postfeministischen“ Positionen gegeben. Es fehlt auch nicht ein Ausblick auf die Brutalitäten des radikalisierten Raubtier-kapitalismus, der alle emanzipatorischen Bewegungen zu strangulieren droht und dessen jüngste Eroberungszüge als „Schuldenkrise“ beschönigt werden.

Man muss staunen, mit welch stupender Belesenheit, synoptischer Blickweite, argumentativer Kraft und Weltkenntnis einer einzelnen Frau ein Werk gelungen ist, das die Kooperation eines multidisziplinären Teams vorauszusetzen scheint. Geschrieben zudem in einer begrifflichen Klarheit und stilistischen Brillanz, dass auch der von der Autorin zu Recht in seine Schranken gewiesene „männliche“ Logos seine helle Freude daran haben kann. Hier liegt eines jener seltenen Bücher vor, deren Anregungsfülle und Denkimpulse eine ganze Bibliothek aufwiegen.

München, August 2012 Hans Krieger


23.08.2012