Kolumne

Gerhard Bott: Die Erfindung der Götter - Essays zur Politischen Theologie

Bott schreibt sein faszinierendes Buch mit dem Mut und der Wut der Verzweiflung. Mit Fanfarenstössen kämpft er gegen die Mauern an, hinter denen sich das akademische Establishment verschanzt, und das er die „Urvatergemeinde“ nennt.
Dies zu Recht, denn was von der etablierte Theologie, der Archäologie und Ethnologie seit zwei Jahrzehnten an Geschütz gegen die EntdeckerInnen vorpatriarchaler Kulturen aufgefahren wird, reicht von bewusster Zensur bis zum Rufmord und entbehrt jeder wissenschaftlichen Seriosität. So etwa stehen Namen wie Marija Gimbutas oder James Mellaart seit Jahren auf dem Index, ohne dass eine sachliche Auseinandersetzung stattgefunden hätte. Dass auch junge Akademikerinnen eifrig in diesen Chor einstimmen, ist die Folge eines verminten Karrierepfads, der nur durch Unterwerfung unter den Mainstream zum Ziel führt.

Worum geht es konkret in den „Essays zur politischen Theologie“, wie der Untertitel des Buches heisst?
Erstens um die Entlarvung des patriarchalen Fundamentalismus’, das heisst um die „Irrlehre“, dass die Idee von einem „Vatergott als allweltlichem Schöpfergott“ am Beginn der Religionsgeschichte steht, und dass es diesen Urvater auch in der menschlichen Urgesellschaft gegeben habe. In Wahrheit geht dem die paläolithische Vorstellung von der „Grossen Mutter allen Lebens und Todes“ voraus, und ist die Urstruktur der menschlichen Gesellschaft nicht die Familie von Vater-Mutter-Kind, sondern die mütterliche Blutsfamilie mit der rein weiblichen Abstammungslinie.
Zweitens geht es um das Schattenboxen gegen die so genannte Matriarchats-Theorie, der man das Schreckgespenst einer Weiberherrschaft unterstellt, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat.
Bott grenzt sich mit aller Schärfe von Ausdrücken wie „Matriarchat“ oder „matriarchal“ ab, weil vorpatriarchale Kulturen keine Gewaltstrukturen und keine Herrschaft kennen, was mit dem Wortstamm „arche“ suggeriert werde.
Sein Rundumschlag gegen alle Autorinnen, die sich der kritisierten Termini bedienen, ist als Pauschalverurteilung insofern ungerecht, als dass diejenigen, die sich „Matriarchatsforscherinnen“ nennen, ausdrücklich von herrschaftsfreien Kulturen als ihrem Forschungsgegenstand ausgehen. Zutreffend aber ist, dass die weitaus überwiegende Zahl aller Wissenschaftler und Laien unter „Matriarchat“ eine Herrschaft der Frauen verstehen, was es den konventionellen Lehrstuhl-InhaberInnen leicht macht, feministische Forscherinnen zum Abschuss frei zu geben.
Dagegen kommt die Neudefinition von „Matriarchat“, bei welcher der Wort-stamm „arche“ nicht als Herrschaft, sondern in seiner zweiten Bedeutung als „Anfang“ zugrunde gelegt wird, kaum gegen die alte Tradition an, “Matriarchat“ und „Patriarchat“ als Parallel-Begriffe mit reziproken Machtstrukturen zu verstehen.

Unabhängig von diesem Wortstreit hält Bott an folgenden Fakten fest:
- Die Urmutter-Mythen sind älter als die Ureltern-Mythen und diese wiederum älter als der Urvater-Mythos.
Ein unübersehbarer Hinweis darauf sind die archäologischen Zeugnisse aus der jüngeren Altsteinzeit und der Jungsteinzeit. Wurden in der erstgenannten Phase Hunderte weiblicher Skulpturen in ganz Europa von Spanien bis Sibirien gefunden, so kamen aus der späteren Jungsteinzeit in Vorderasien und Europa Tausende solcher Figuren an den Tag, welche die Zahl der männlichen Darstellungen bei weitem übertreffen. Ab dem 7. vorchristlichen Jahrtausend stehen die weiblichen Skulpturen in einem eindeutig religiösen Zusammenhang als Göttinnen und als Priesterinnen. Deshalb ist es nahe liegend, die ältesten Frauenstatuetten wie die jüngst entdeckte „Venus vom Hohle Fels“ in der Schwäbischen Alb als göttliche Urmütter zu deuten.
- Die Menschen der Altsteinzeit lebten in „Blutsfamilien“ zusammen, das heisst, in Verwandtschaftssystemen unilinearer Matrilinearität. Es gab noch keine „Paarungsfamilie“ im Sinne unserer Kleinfamilie. Der kausale Zusammenhang zwischen Sexualität und Schwangerschaft konnte noch nicht erfasst werden, weil die Frauen während ihrer 3-5 jährigen Stillzeit durch natürliche Ovulationshemmung nicht schwanger werden konnten.
- Die biologische Evolution des Menschen verlief parallel zu jenen Affenarten, bei denen die sexuelle Wahl von den Weibchen ausgeht und der Rang der Männchen von der sozialen Stellung ihrer Mütter abhängt.

Im Folgenden definiert Bott sehr präzis die aus der Ethnologie bekannten Verwandtschaftsbegriffe: Matrilinearität (Verwandtschaftsrechnung nach der mütterlichen Linie), Matrilokalität bzw. Uxorilokalität (Aufenthalt des Sexualpartners in der mütterlichen Blutsfamilie der Frau), was immer mit Exogamie, d.h. mit sexueller Praxis ausserhalb der Blutsfamilie verbunden ist. Die bilineare und patrilineare Verwandtschaftsrechnung führen zu virilokalem oder patrilokalem Wohnsitz der Frau bei ihrem Partner.
In vorpatriarchalen Gemeinschaften geht der Bedeutung des leiblichen Vaters das Avunkulat, das heisst die soziale Vaterrolle des Mutterbruders, voraus.
Diese und weitere Klarstellungen ermöglichen es Bott, den schrittweisen Übergang von der matrilinearen Blutsgemeinschaft zur patriarchalen Familie plausibel zu machen.

Neu ist Botts historische Gliederung der Jungsteinzeit (Neolithikum) in vier Phasen oder Modi, womit er den Weg von den frühesten friedlichen Ackerbauern bis hin zu den ersten Herrschaftsstrukturen und den ersten Eroberungskriegen nachzeichnet. Spielt im Modus I und II (zwischen dem 10.-8. Jahrtausend vor Chr.) das Frauenkollektiv die Hauptrolle im mit Hacke und Ziehhacke betriebenen Ackerbau, so ändert sich dies grundlegend im Laufe des Modus III (7000–4000 vor Chr.).
Von da an wenden sich die Männergruppen, die sich lange Zeit der Jagd gewidmet hatten, der Rinderhaltung zu, die sie nach der Zähmung von Jungtieren in Herden auf die Weide treiben. Schaf und Ziege wurden zwar schon vorher als Haustiere gehalten, aber die immer grössere Anzahl von Rindern wird zu einem bedeutenden Produktions- und Tauschmittel und führt zum Reichtum einzelner Männerkollektive. Allerdings drängen erst die weiträumigen Wanderungen von Rinderhirten ab 5500, wie die der so genannten „Bandkeramiker“, den von Frauen dominierten Ackerbau in seiner Bedeutung zurück. Der mobile Hirte behält seinen hohen sozialen Status, während die mitwandernden Frauen ihre Äcker stets neu anlegen und von vorne beginnen müssen. Schliesslich wird durch die Erfindung des Rades und des Ochsenpflugs die männliche Kompetenz auch im Ackerbau gestärkt, sowie das Bedürfnis der Brüder, nicht nur zusammen zu arbeiten, sondern auch zusammenzuleben, was das Domizil in Richtung Virilokalität bzw. Patrilokalität verändert.
Im Grossen und Ganzen handelt es sich bei der ersten Überlagerung von Rinderhirten über indigene Wildbeuter (Sammlerinnen und Jäger) um einen sanften Vorgang, bei dem ganz Mittel- und Westeuropa vom Osten her mit den neolithischen Techniken vertraut gemacht wird. Allerdings sind bereits aus dieser Zeit (4900 vor Chr.) die ersten Gewalttaten belegt, die wohl im Streit um neue Acker- und Weideflächen entstanden. In Talheim in Deutschland wurden 34 Skelette von Männern, Frauen und Kindern gefunden, die von hinten (auf der Flucht?) mit Steinäxten erschlagen wurden.
Erst mit der fortgeschrittenen Metallurgie seit dem 4. Jahrtausend wurde es dann möglich, Waffen aus Bronze herzustellen und damit eine Voraussetzung für kommende kriegerische Eroberungen zu schaffen. Dazu kamen die Zähmung des Pferdes nördlich des Kaukasus und die durch Klimaverschlechterung erzwungene Landsuche von so genannten Kurgan-Völkern (Kurgane sind Hügelgräber) aus dem Osten. Es sind die Sumerer, welche in Mesopotamien, und die Indoeuropäer, die in Nordindien, Persien und in die östlichen Mittelmeerländer einfallen. Die erste Welle dieser kriegerischen Stämme erfolgte mit von Pferden gezogenen Streitwagen, die zweite Welle ab 2000 vor Chr. durch Reiterkrieger.
Bei der Schilderung dieser historischen Abfolge gelingt es Bott, technische, soziale, familiäre und mythologische Strukturveränderungen in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zu schildern. Mit dem Hirtendasein verstärkt sich der Status der Männer sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Mit der aus der Tierzucht ge-wonnenen Klarheit über den Zeugungsvorgang erhält die männliche Sexualität einen hohen Stellenwert, was sich auch kultisch ausdrückt, indem neben die urgeschichtliche Muttergöttin der männliche Fruchtbarkeits- und Stiergott tritt. Erst allmählich wird die doppelte Verwandtschaftsrechnung (Bilinearität) durch die Betonung der patrilinearen Verwandtschaft und durch den patrilokalen Wohnsitz mit dem Vater als Familien-Oberhaupt ersetzt. Von da an wird die Paarungsfamilie oder Paarfamilie zur Norm und die Ehe zur festen Einrichtung unter männlicher Kontrolle. Damit im Zusammenhang steht die Umformung der Kollektivwirtschaft zum Privateigentum, und als letzter Akt folgt die theologische Umbildung des Götterhimmels zu männlichen Hauptgöttern und schliesslich zum monotheistischen Vatergott.

Der ebenso umfangreiche zweite Teil des Buches enthält ausführliche Anmerkungen zu bekannten Kulturtheorien aus der Wissenschaftsgeschichte, und hier setzt Bott seinen ganzen Scharfblick ein, um deren ideologisch-irrationale Komponenten ad absurdum zu führen. Das beginnt mit der Auseinandersetzung mit Bachofen, Engels und Freud, führt über die kritische Würdigung bekannter Archäologen und Ethnologen zur äusserst kritischen Beleuchtung jüngster Archäologie-Ausstellungen und zur vernichtenden Kritik an populistischen Männerphantasien in den Medien.

Auf mich wirken Botts Fanfarenstösse wie die Befreiung aus einem Albtraum, die besonders kulturkritische Frauen aus ihrer Resignation wach rütteln könnte.
Deshalb hoffe ich, dass das Buch grosse Verbreitung auch unter jungen LeserInnen findet und eine ebenso sachliche wie engagierte Diskussion auslöst. In diesem Fall wäre der Kampf um unverfälschte Kulturtheorien noch nicht verloren.

Literatur:
Gerhard Bott: Die Erfindung der Götter – Essays zur Politischen Theologie, BoD(Books on Demand) 2009

22.12.2009