Kolumne

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Schon im Vorfeld der noch laufenden Ausstellung in Stuttgart „Eiszeit – Kunst und Kultur“ wurde über die jüngste Entdeckung der so genannten „Venus vom Hohle Fels“ wild spekuliert. Die sexistische Interpretation, dass es sich bei dieser und anderen weiblichen Figuren aus der jüngeren Altsteinzeit (Jungpaläolithikum) um eine Art Sexpuppen handle, verrät allerdings mehr über die Mentalität der Interpreten als über den geistigen Hintergrund der damaligen Zeit.
Inzwischen wurde die hervorragend gestaltete Ausstellung in allen grossen Zeitungen besprochen und die hohe Kulturleistung der Menschen im Zeitraum von 40’000-15’000 vor heute gewürdigt. Neben der sehr berechtigten Begeisterung über die ersten Musikinstrumente, über die raffinierten Werkzeuge und die lebensnahen Tierskulpturen blieben die Kommentare zu den mehr als hundert weiblichen Statuetten allerdings merkwürdig blass. Das liegt wohl unter anderem daran, dass die Schrifttafeln zu den betreffenden Vitrinen im Museum und die Texte im offiziellen Ausstellungskatalog wenig Anhaltspunkte für eine plausible Interpre-tation bieten.
Unter dem Stichwort „Und keiner weiss, warum“ enthält man sich jeder Deutung und weist nur beiläufig darauf hin, dass die Statuetten unter anderem als Ahnfrauen oder Göttinnen verstanden wurden. Eindeutig sei nur die Betonung der sexuellen Merkmale, wobei die Variation der Figuren von sehr beleibt bis schemenhaft schmal vielleicht dem Anschauungsunterricht junger Frauen zum Vorgang von Schwangerschaft und Geburt gedient habe. Letztere Vermutung wirkt allerdings grotesk, wenn wir bedenken, dass die Frauen der Frühzeit reale Vorbilder in ihren Müttern und Schwestern hatten.
Dagegen wird die Tatsache, dass viele der kleinsten Statuetten durchbohrt oder mit Ösen versehen sind und daher vermutlich als Amulette getragen wurden, nicht weiter beachtet. Amulette hatten ja seit jeher eine Schutzfunktion und weisen damit auf eine sakrale Schutzmacht hin. Es drängt sich der Verdacht auf, dass wir gar nicht hinterfragen sollen, was sich hinter den weiblichen Figuren verbirgt.
Am auffälligsten ist die Deutungsabstinenz bei den Vitrinen aus der Periode des so genannten „Gravettien“ (30’000–22’000 vor heute), die mit dem Titel „Starke Frauen“ überschrieben sind. Sie enthalten meist füllige Frauenfiguren aus wertvollem Material (Elfenbein, Kalkstein oder Ton), die trotz ihrer Kleinheit (zwischen 3 und 11cm Höhe) äusserst kunstvoll gearbeitet sind. Die meisten scheinen eine Schwangerschaft anzudeuten, eine von ihnen den Geburtsvorgang selbst. Daneben finden wir schon aus dieser Zeit stark stilisierte Figuren, die auf die Hervorhebung der Brüste und der Schoss-Schenkelregion reduziert sind. Es wird zwar erwähnt, dass die „starken Frauen“ des Gravettien zu Hunderten in ganz Europa von Nordspanien bis nach Sibirien aufgefunden wurden, doch wird daraus kein Schluss auf ihre kulturelle Bedeutung gezogen.
Die berühmteste Statuette aus dem Gravettien ist die „Venus von Willendorf“ aus Österreich, die in Stuttgart nur als Photographie zugegen ist, hingegen sind die Statuetten von Lespugue aus Frankreich, die von Kostenki aus Russland, eine ganze Reihe weniger bekannter aus Italien und das berühmte Frauenköpfchen einer Priesterin aus Dolni Vestonice/Südmähren im Original zu sehen. Am eindrücklichsten wirkt die relativ grosse so genannte „Dame mit dem Horn“, ein unglaublich gut erhaltenes Steinrelief aus Laussel in einer eigenen Vitrine. Diese nackte Frauenfigur, welche die eine Hand auf den schwangeren Leib legt und in der anderen das Mondhorn mit kalenderartigen Strichmarkierungen empor hält, strahlt so viel Lebenskraft und Würde aus, dass ihre sakral-kosmische Bedeutung eigentlich unübersehbar ist. Dazu aber fehlt jeder Kommentar.
Im Gegensatz dazu wird die verschwindend kleine Anzahl von Phallusdarstel-lungen zum schöpferischen Prinzip hochstilisiert. Im Katalog wird ihnen ein eigenes Kapitel unter dem Titel „Eindeutig männlich“ gewidmet. Zu einem 19,2cm langen Steinobjekt in phallischer Form, das Gebrauchsspuren zeigt und vermutlich als Werkzeug benutzt wurde, lesen wir den nebulösen Satz: „Das Arbeitsgerät war möglicherweise Symbol für schöpferische Kraft und Fruchtbarkeit, die auf die bearbeiteten Steingeräte übertragen wurde.“ Das ist umso unplausibler, als die Menschen der jüngeren Altsteinzeit noch keine Gewissheit über den männlichen Zeugungsanteil haben konnten. Wie Gerhard Bott in seinem Buch „Die Erfindung der Götter“ darlegt, war der kausale Zusammenhang zwischen Sexualität und Schwangerschaft schon deshalb nicht offensichtlich, weil die Frauen während ihren 3-5 jährigen Stillzeiten durch natürliche Ovulationshemmung nicht schwanger werden konnten.
Auch aus der Periode des Magdalénien (16'000–12'000 vor heute) sehen wir in Stuttgart eine Vielzahl von Frauenfigürchen in stark stilisierter Form. In Seitenansicht dargestellt dominiert das Schoss-Gesäss-Dreieck, während der Oberkörper nur durch einen schmalen Stab angedeutet ist. Dazu die berühmten Ritzfiguren tanzender Frauen aus Gönnersdorf, die den Gedanken an sakralen Tanz nahe legen. Die Aussteller schliessen in anderem Zusammenhang die Existenz von „Schamaninnen“ zur damaligen Zeit zwar nicht aus, doch eines scheint einem absoluten Tabu zu unterliegen: Die weibliche Lebenskreativität als eine religiöse Dimension im Sinne des Weiblich-Göttlichen zu deuten. Stillschweigend bleibt göttliche Schöpferkraft - wider alle bessere Anschauung - dem männlichen Prinzip vorbehalten.
Das zeigt sich besonders deutlich im Saal der frühesten Fundgegenstände aus der Zeit des Aurignacien, 40'000–30'000 vor heute, zu denen der Star der Ausstellung, die „Venus vom Hohle Fels“ gehört. Diese bisher älteste menschliche Skulptur überhaupt, die ca. 10'000 Jahre älter ist als die Venus von Willendorf, demonstriert die generativen Fähigkeiten der Frau in der ausgeprägten Form der Vulva und durch die grossen nährenden Brüste. Dass der Kopf fehlt und durch eine Öse ersetzt ist, versteht Bott als Zeichen ihrer überindividuellen Bedeutung als das Weiblich-Mütterliche schlechthin. So sind die aus der gleichen Periode stammenden Steinreliefs in Form von Vulven wohl ebenso nicht als Sexsymbole, sondern als Kurzform für die weibliche Gebärfähigkeit zu deuten.
Nicholas Conard als Leiter der jüngsten Ausgrabungen sieht dies allerdings anders. Er möchte nicht von der „Venus“ vom Hohle Fels sprechen, sondern lieber von der „Schwäbischen Eva“. Nach seiner Einschätzung scheint sie „ein Ausdruck der Sexualität zu sein, der wahrscheinlich in direkter oder indirekter Verbindung zur Fruchtbarkeit steht“. (Katalog S. 271)
Diese vage Aussage ist umso merkwürdiger, als in der auf die jüngere Altsteinzeit folgenden Jungsteinzeit Frauenfiguren zu Tausenden in allen Varianten im Mittelmeerraum, im Nahen Osten und in Indien gefunden wurden, die man als Idole bezeichnete und die zum Teil als Weihegaben in Tempeln deponiert waren. Von den aus wertvollstem Material gearbeiteten weiblichen Sakralfiguren in Catal Höyük aus dem 6. vorchristlichen Jahrtausend über die stark abstrahierten Violin-Idole aus Anatolien und die grösseren kykladischen Marmorfiguren aus dem 3.vorchristlichen Jahrtausend können wir eine Linie zu den Muttergöttinnen der frühen Hochkulturen im Alten Orient ziehen. So besonders auf Zypern, auf Kreta und in Syrien/Palästina. Lange bevor die „Eva“ als die erste Menschenfrau im Alten Testament erscheint, war sie eine Göttin, die „Mutter alles Lebendigen“ als Schöpferin der Menschen, Tiere und Pflanzen (Silvia Schroer 2004). Das heisst, ihre Lebenskreativität war nicht auf den menschlichen Nachwuchs beschränkt, vielmehr hatte ihre „Fruchtbarkeit“ eine kosmische Dimension.
Einen ähnlichen Substanzverlust ihrer Deutung wie die „Eva“ hat auch die „Venus“ erfahren. Schon bei den Römern wurde sie nicht mehr als die grosse Göttin Venus verstanden, wie sie im Morgen- und Abendstern am Himmel erscheint, sondern als Liebesgöttin im Sinn des idealen Modells einer begehrenswerten Frau. Die Bezeichnung „Venus“ für die Figur aus Willendorf vor hundert Jahren war denn auch ironisch gemeint, weil sie ja dem gängigen Schönheitsideal in keiner Weise entsprach.
Am plausibelsten wäre der Vorschlag von Gerhard Bott, den ältesten Frauenskulpturen den Namen „Gaia“ zu verleihen, jener Erdgöttin, die der Dichter und Mythenkenner Hesiod noch als „Mutter aller Götter“ verstand. Nach ihm ist sie als erstes Wesen dem Chaos entstiegen (was zu dieser Zeit nicht „Unordnung“, sondern „gähnende Leere“ bedeutete) und brachte aus sich heraus ihre Söhne, den Himmel, das Meer und die Unterwelt hervor. Mit dem himmlischen Uranos zeugte sie dann die folgenden Göttergeschlechter. Der Vergleich der „Venus vom Hohle Fels“ mit der Urgöttin Gaia, die Hesiod die „Breitbrüstige“ nennt, ist jedenfalls sehr viel nahe liegender als alle Versuche, sie zur sexuellen Leitfigur zu erklären.
Bis heute allerdings hält der Mainstream aller Forscher hartnäckig an der These des Urvaters und Schöpfergottes fest, beziehungsweise am Primat der männlichen Zeugungskraft auch im kulturellen Sinn. Bott nennt diese These zu Recht eine „Politische Theologie“, weil sie nicht nur die patriarchale Verfassung von Staat und Kirche, sondern auch die von Familie und Gesellschaft stützt.

Literatur:
-Eiszeit- Kunst und Kultur. Archäologisches Landesmuseum, Stuttgart, 2009
-Gerhard Bott: „Die Erfindung der Götter – Essays zur Politischen Theologie“, BOD(Books on Demand) 2009

22.12.2009