Kolumne

Fehlentscheid des Papstes

Betrifft: Kirchenaustritt

Sehr geehrte Kirchgemeinde,

ich bitte Sie, meinen Austritt aus der katholischen Kirche, der ich nun seit bald 82 Jahren angehöre, zur Kenntnis zu nehmen und mich aus Ihrem Mitgliederverzeichnis zu streichen.
Ich möchte ausdrücklich festhalten, dass dieser Schritt nicht aus finanziellen, sondern ausschliesslich aus moralischen Gründen erfolgt. Obwohl ich seit Jahrzehnten dem katholischen Religionsverständnis fern stehe und keinerlei kirchliche Angebote in Anspruch nahm, habe ich all die Jahre die Kirchensteuer bewusst und gerne bezahlt. Dies nur deshalb, weil ich das soziale Engagement katholischer Einrichtungen in der Stadt Bern wie das der „Prärie“ im Rahmen der Dreifaltigkeitskirche hoch schätze, wie auch die Mitwirkung am „Haus der Religionen“ und den unabhängigen Geist des Pfarrblatts.
Seit dem Pontifikat Benedikt XVI. musste ich allerdings eine Tendenz in der Kirchenpolitik wahrnehmen, die mit ihrer Intoleranz die Hoffnungen des Vatikanischen Konzils zunichte macht. Nach den höchst bedauerlichen Tief-schlägen gegen die Befreiungstheologie in Südamerika sind die antijüdischen Tendenzen in der Liturgie für mich äusserst befremdlich.
Schliesslich machen mir die Meldungen der letzen Tage, wonach der Papst die Exkommunikation fundamentalistischer Bischöfe aufhob und neben denen, die sich gegen die Religionsfreiheit aussprechen, auch den Holocaust-Leugner Richard Williamson wieder in die Arme schliesst, den weiteren Verbleib in dieser Kirche unmöglich.
Als Philosophin und Ethikerin sehe ich in der Vorgehensweise des Vatikans einen schwerwiegenden Verstoss gegen Humanität und Menschenwürde. Auch ist mir die unterwürfige Haltung der Schweizer Bischöfe nicht nachvollziehbar, umso mehr als Bürgerin eines Landes, in dem die Leugnung des Holocaust strafrechtlich ver-folgt wird.
Wenn dann noch die Rede davon ist, dass der Heilige Stuhl dem Leugner mit „väterlicher Einfühlsamkeit“ begegne, so kann ich das nur als zynische Missachtung im Blick auf die Nachkommen der jüdischen Opfer verstehen. Ich selbst habe keine jüdischen Wurzeln und bin insofern nicht direkt betroffen, aber ich will aus humanethischen Gründen mit der katholischen Kirche unter einer solchen Führung nichts mehr zu tun haben.
Die eingesparte Kirchensteuer werde ich in Zukunft der „Prärie“ und dem „Haus der Religionen“ als Spenden überweisen.

Bern, 27. Januar 2009, Holocaust-Gedenktag

Carola Meier-Seethaler

P.S. Ein Duplikat dieses Schreibens geht an das Bischöfliche Ordinariat zu Bischof Kurt Koch in Solothurn.


Statement zum Entscheid des Papstes, gehalten am Forum Luzern, 5.2.09:

Für mich war die Nachricht von der Aufhebung der Exkommunikation der 4 Bischöfe nur der letzte bittere Tropfen, der meinen seit Jahren anschwellenden Unmut über den Kurs des Papstes zum Überlaufen brachte. Deshalb fasste ich spontan den Entschluss, aus der Kirche auszutreten. Dies vor allem im Blick auf die Wiederannäherung an den Holocaust-Leugner Williamsen.
Dieser Vorgang trifft den positiven Dialog zwischen Katholiken und Juden besonders hart. In meinen Augen ist ein solcher Fauxpas schlicht unverzeihlich und hätte in jeder anderen Institution zur Rücktrittsforderung an den obersten Chef geführt.
Die beschwichtigenden Reaktionen aus Rom und von der Schweizer Bischofs-konferenz sind jedenfalls weder überzeugend, noch ausreichend. Man kann doch nicht erwarten, dass die erzkonservative Piusbruderschaft ihre Gesinnung aufgibt und mehr als ein Lippenbekenntnis ablegt......
Aus meiner Sicht ist der Fehlentscheid des Vatikans aber nicht nur ein Rückschritt hinter den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils, auf das ich grosse Hoffnungen gesetzt hatte. Als Philosophin empfinde ich diesen Entscheid auch als Verrat an der Aufklärung. Bekennt sich doch die Bruderschaft Pius X. zu Vorstellungen, die an mittelalterliche Wahnvorstellungen erinnern, wie z.B. die von der Teufelsbesessenheit. Ebenso verstörend ist die Auffassung des jüngst vom Papst eingesetzten Weihbischofs von Linz, wonach Naturkatastrophen, die ja wahllos über Menschen hereinbrechen, eine Strafe Gottes darstellen. Solche inhumanen Interpretationen entsprechen zwar nicht explizit der Meinung des Papstes, aber sein Glaube an die Hölle und die Duldung des Exorzismus als priesterliche Praxis sind genauso befremdlich.

Umso irritierender ist die unversöhnliche Haltung Benedikts XVI. gegenüber der Befreiungstheologie und allen Theologen, welche die Enge scholastisch formulierter Dogmen überschreiten wollen. Von daher wirkt die Sorge um die Einheit der Kirche wenig überzeugend; die rückwärtsgewandte Haltung des Papstes erinnert vielmehr an den Kulturkampf am Ende des 19. Jahrhunderts, bei dem die Traditionalisten gegen den Geist der Moderne kämpften. Bekanntlich führte dies zur Abspaltung der Altkatholiken, die sich dem Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes und seiner Unduldsamkeit gegenüber aufgeschlossenen Ideen nicht beugten.
Auch die heutige Nachricht, dass Daniel Vasella als höchstbezahlter Manager der Schweiz zum Ethikexperten bei Radio Vatikan bestellt wurde, steht in provozierendem Gegensatz zur Kirche für die Armen, wie sie die Befreiungstheologie fordert.
(inzwischen erwies sich dieser Schachzug der Kirche als Eigentor: Vasella wurde wieder ausgeladen, weil Novartis u.a. auch Anti-Baby-Pillen verkauft....)

Carola Meier-Seethaler

09.02.2009